Das Leben ist sein Oberholz
Es ist die Mutter aller Co-Working Spaces, Heimat verlorener Freelancer-Seelen und nach wie vor ein Ort, an dem unzählige Start-ups ihre ersten Gehversuche starten.
Mit dem Café Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte hat sich Ansgar Oberholz selbst heiliggesprochen.
Im Jahr 2005 eröffnete der Gastronom gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Koulla Louca den Dauerrenner, und heute kann sich keiner in Mitte noch darin erinnern, dass in dem uralten Eckhaus mit den spitzen Fenstern jemals etwas anderes beheimatet war.
Das zweigeschossige Café dominiert den Rosenthaler Platz. Durch die breiten Fenster kann man bis zwei Uhr in der Nacht überall fleißige Freelancer über ihren Tastaturen brüten sehen. „Digitale Bohème“ nennt man das, moderne Vagabunden mit MacBook. Wer den Begriff erfunden hat, weiß keiner so genau, was er bedeutet schon: Die „Digitale Bohème“ findet sich per Definition im Sankt Oberholz.
Dabei hatte der 38-jährige Ansgar damals gar keine explizite Vision. „Wir haben von Anfang an mehr Steckdosen eingebaut, und das natürlich mit dem Hintergedanken, hier Computer anzuschließen. Aber dieses Ausmaß haben wir nicht erwartet und auch nicht geplant“, sagt er.
Wirtschaftlich ist das Konzept auch nicht unbedingt die raffinierteste Lösung. „Manche Menschen wissen zu schätzen, was wir ihnen bieten, andere laden ihren Computer und ihr Handy gleichzeitig auf und konsumieren dabei gar nichts“, erklärt Ansgar mit einem Achselzucken. Ernsthaft scheint ihn der finanzielle Verlust dabei nicht zu stören.
„Natürlich macht es mich sauer, wenn ich jemand dabei erwische, wie er sich Wasser von der Toilette holt. Aber trotzdem geht es hier nicht um das große Geld. Wir können davon leben, das ist die Hauptsache.“
Das heißt allerdings nicht, dass Koulla Louca und Ansgar Oberholz nicht geschäftstüchtig sind. Ganz im Gegenteil. Neben dem Café gehören zum Beispiel auch Mietapartments zum Oberholz-Imperium. Außerdem schreibt Ansgar gerade an einem Buch über die Geschichten, die ein Café schreibt.
Der jüngste Coup des Oberholzduos zielt aber mal wieder auf Freelancer und Start-ups ab.
Im November 2011 wurde das Café um einen Co-Working Space in der zweiten Etage vergrößert. Die Fakten hören sich bestechend an: „Das schönste Treppenhaus Berlins“, „ein wunderschönes Altbaubüro“ und drei Balkone inmitten des Bezirks, in dem Start-up-Träume wahr werden.
Wer sich jedes Mal ärgert, wenn ein früher Wurm den letzten Sitzplatz im Oberholz besetzt hält oder die Türen des Cafés um zwei Uhr nachts hinter ihm geschlossen werden, der wird Mitglied im Ko-Working Bureau. Jedes Mitglied kann kommen und gehen, wann es möchte, und einen Sitzplatz gibt es auf jeden Fall – wenn auch nicht immer den gleichen.
Die Atmosphäre ist konzentrierter als einen Stock tiefer. Kein geschäftiges Gewusel, niemand, der sich heimlich Wasser auf der Toilette holt und keine lauten Telefonate.
Die werden in der Telefonzelle geführt. Ein gemütliches, in Polster ausgekleidetes Abstellräumchen.
„Hier kannst du in Ruhe telefonieren oder weinen und ausrasten. Nebenan bekommt es keiner mit“
Die Inneneinrichtung war ohnehin eine Herausforderung. Das Haus ist mehr als hundert Jahre alt. Die Decken sind mit geschnitzten Tieren versehen, Bad und Küche mit alten Kacheln ausgestattet und die weißen Kastentüren mit kunstvollen Messingbeschlägen verziert. Wie wird man einem solchen Haus gerecht und schafft gleichzeitig eine moderne Arbeitsatmosphäre?
Wohl niemand hat vor der Geschichte und Architektur des Hauses in der Rosenthaler Straße 72 mehr Respekt als Ansgar Oberholz. Und mehr Erfahrung damit hat auch keiner. Schon die Apartments in den oberen Stockwerken haben ihn damals vor die gleiche Herausforderung gestellt. Und genauso wie 2007 löste das Problem auch heute das Berliner Designerpaar Pankrath Windisch.
„Sie haben die historische Substanz mit Gegenständen unserer Zeit gemischt – im gleichen Stil wie der Rest des Hauses“, sagt Ansgar. Die Wände sind mit konzeptionellen Designs und den obligatorischen Oberholzweisheiten geschmückt. „Das Leben ist kein Ponyhof.“
Über den Schreibtischen baumeln aufwendige Lichtinstallationen, und der (auch separat zu mietende) Konferenzraum ist mit einem schlichten schwarzen Tisch und klassischen Flötotto-Stühlen ausgestattet. Die hellen Schreibtische stehen im Licht der großzügigen Fensterfront. Hier kann Tag und Nacht gearbeitet werden.
„Wir haben ganz unterschiedliche Mitglieder“
„Manche kommen jeden Tag, andere nur einmal im Monat. Es gibt sogar solche, die sich eine Mitgliedschaft teilen.“
Der Preis bleibt allerdings immer der gleiche. 290 Euro im Monat kostet ein flexibler Arbeitsplatz mit Schließfach, Internet, Geräten, Konferenzraum und Post-its in allen Farben und Formen.
„Wir sind noch offen für weitere Mitglieder jeder Art“, verkündet Ansgar bedacht leise, als wir durch die Räume gehen. Er will die hoch konzentrierte digitale Bohème nicht stören, die hier ihre Ideen der Zukunft ausbrüten.













