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Das offene Internet überfordert 98 Prozent der Menschen

Frank Schmiechen, stellvertretender Chefredakteur der WELT-Gruppe, über die Zeitung der Zukunft und das Ende des offenen Internets.

Als stellvertretender Chefredakteur der WELT-Gruppe ist Frank Schmiechen für alle journalistischen Produkte zuständig, die die Marke jeden Tag veröffentlicht. Für seine Arbeit werden die digitalen Ableger der Printmedien immer wichtiger. An erster Stelle steht hier DIE WELT HD auf dem iPad. Die erfolgreiche App könnte so etwas sein wie die Zukunft der Zeitung, ist der Erfinder der WELT KOMPAKT überzeugt. Digital ist für ihn keine Bedrohung, sondern eine Riesenchance. Im Interview erklärt er, was ihn an sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook fasziniert und warum das offene Internet verschwinden wird.

Welche digitalen Produkte gehören zur WELT-Gruppe?
Eine fast unüberschaubare Anzahl. Wir müssen iPhones, iPads und Computer in Echtzeit bedienen, 24 Stunden an sieben Tagen – und es werden immer mehr. Als Nächstes sind Android-Smartphones dran, das ist eine Entwicklung, die nicht aufhört, sondern immer noch zunimmt.

Ist das eine Bedrohung für ein Verlagshaus?
Das ist eine Aufgabe und eine Riesenchance. Wir müssen beweisen, dass wir das, was wir bis jetzt unglaublich erfolgreich gemacht haben, im digitalen Zeitalter auch können. Und ich bin sicher, dass wir das schaffen.

Welche digitalen Strategien hat die WELT-Gruppe entwickelt?
Wir waren immer ganz vorne dabei, wenn es darum ging, sich mit der digitalen Welt zu verknüpfen. 1998 waren wir die erste Zeitung, die kleine Klammeraffen abgedruckt hat – das waren Hinweise auf das Internet. In dieser Tradition befinden wir uns heute immer noch. Die WELT KOMPAKT verknüpft sich beispielsweise über QR-Codes mit dem Internet und hatte vor allen anderen eine Twitter- und Youtube-Anbindung. Im Zentrum unserer aktuellen Bemühungen steht das iPad. Mit der WELT HD haben wir ein sehr erfolgreiches Medienangebot geschaffen, das erfolgreichste Medienangebot auf dem iPad. Das macht uns sehr stolz, wir liefern uns da einen Zweikampf mit den Kollegen von BILD, liegen aber meistens vorne – das ist bei der Zeitung ja leider nicht so (lacht). Und wir wollen diesen Platz unbedingt halten. Dabei überlegen wir immer: Was muss man machen, was kann man machen, was wollen die Leute und was wollen wir? Wie funktioniert Journalismus auf neuen Geräten wie dem iPad? Das ist eine spannende Frage.

Wir müssen über die Präsentation von Inhalten auf Geräten nachdenken, die wir noch gar nicht kennen.

Und wie funktioniert er dort?
Das ist das Schöne an der digitalen Welt: Niemand hat Antworten, alle probieren viel aus. Dabei ist das Tablet nur der Anfang. Man findet das jetzt cool, aber wenn wir es uns in fünf Jahren noch mal anschauen, werden wir darüber lachen wie über die ersten Handys. Das iPad wird uns dann wie ein Nokia-Knochen vorkommen. Das heißt, wir müssen im Grunde über die Präsentation von Inhalten auf Geräten nachdenken, die wir noch gar nicht kennen. Das ist die Aufgabe.

Ist DIE WELT HD in diesem Bereich Ihre Speerspitze?
Im Moment ist sie auf jeden Fall das, was uns am meisten beschäftigt. Als Apple einen Tablet-Computer angekündigt hat, waren wir elektrisiert: Da ist ein Computer, den man von der Handhabbarkeit so nutzen kann wie eine Zeitung. Und das iPad geht sogar darüber hinaus, weil es alles verbindet: Text, Foto, Video, Audio. Alles, was Journalisten herstellen, wird in diesem Gerät vereint. Wir haben uns da natürlich reingestürzt, vieles probiert und festgestellt, dass man seine journalistischen Träume dort auch ausleben kann.

Würden Sie DIE WELT HD als so etwas wie die Zukunft der Zeitung bezeichnen?
Ich bin ziemlich sicher, dass es in diese Richtung geht, ja. Wir überlegen jetzt bei der Strukturierung unserer Arbeitsabläufe, ob das iPad nicht eine wichtigere Rolle spielen muss. Noch ist es so, dass wir uns morgens in der Redaktion viel über die Zeitung unterhalten, die gedruckt wird. Wir überlegen jetzt, ob man nicht anfangen muss, sich morgens über das iPad zu unterhalten und das Tablet in das Zentrum unserer Bemühungen zu stellen. Momentan machen wir eine Zeitung und dann greifen sich die iPad-Leute, was sie brauchen, die WELT KOMPAKT greift sich, was sie braucht – und die Frage dabei lautet: Ist es nicht viel schlauer, wenn alle aus dem Topf der iPad-Redaktion schöpfen? Sodass wir im Grunde eine iPad-Zeitung machen und sich alle assoziierten Produkte aus deren Fundus bedienen.

Ortsbasierte Dienste werden ganz groß kommen und vieles noch mal umkrempeln.

Wie nutzen Sie die neuen digitalen Kommunikationskanäle?
Ich probiere alles aus. Ich bin ein großer Fan von Social Media und ich bin immer wieder erstaunt über dieses Wunder, dass ich mit Menschen, die auf Hawaii leben, zusammen in Echtzeit Musik machen, chatten und reden kann. Ich bin begeisterter Twitterer für WELT KOMPAKT und für mich selbst und sehr aktiv auf Facebook. Dann bin ich großer Fan von Foursquare. Ich glaube, ortsbasierte Dienste werden ganz groß kommen und vieles noch mal umkrempeln. Das alles ist im Grunde eine Bewegung in eine neue digitale Welt und wir als Kommunikationsprofis und Medienmacher müssen schauen, wo sich die großen Straßen, die Trampelpfade in diese Welt bilden. Es wird viel ausprobiert und je mehr Menschen diese Wege gehen, desto breiter werden die Straßen und desto deutlicher wird, wo diese Entwicklung hinführt. Es ist unser Job, das genau zu beobachten.

Wie viele Menschen folgen Ihnen auf Twitter?
Ich habe mehr als 27 000 Follower. Es ging vor vier Jahren nur mit dem Account der WELT KOMPAKT los, dann habe ich nach einem halben Jahr dazu geschrieben, dass ich das bin. Ich war manchmal so persönlich, dass es sonst schräg gewesen wäre.

Die Unterscheidung zwischen privat und beruflich wird durch soziale Netzwerke neu definiert.

Das heißt, mit Account der WELT KOMPAKT twittert die Person Frank Schmiechen. Gibt es da eine Trennung zwischen beruflich und privat?
Ich bin immer wieder überrascht: Wenn ich zu privat auf Twitter werde, dann sind viele Leute enttäuscht, weil sie eigentlich die Stimme der Firma hören wollen (lacht). Ich glaube, die Unterscheidung zwischen privat und beruflich wird durch soziale Netzwerke neu definiert. Wenn ich von meinem Beruf begeistert bin, dann wird er mich nach dem Feierabend beschäftigen, und das heißt, ich kann gar nicht trennen, ob ich jetzt für meine Firma oder für mich twittere. Ich bin auch meine Firma und ich denke, dass die Leute, die dieses Gefühl nicht haben, es im digitalen Zeitalter sehr schwer haben werden, weil ganz schnell offenbar wird, ob jemand das, was er beruflich macht, auch wirklich lebt und meint, oder ob er das nur macht, weil er einen schönen Arbeitsvertrag hat. Ich glaube auch, dass viele Berufe überflüssig werden: Leute, die in Computern etwas für mich suchen, etwa in der Buchhandlung oder im Reisebüro, werden auf Dauer Probleme bekommen, weil ich das selbst viel schneller kann. Wir werden alle neue Fähigkeiten entwickeln müssen – und wir müssen das wollen. Wir müssen getragen werden von der Begeisterung, sowohl im Beruf als auch privat.

Aber ist es für ein Medium nicht gefährlich, wenn es – so wie bei Twitter oder Facebook – eine fremde Infrastruktur nutzt? Entsteht da nicht eine zu große Abhängigkeit?
Ich ärgere mich bis heute, dass es nicht meine Infrastruktur ist. Die Infrastruktur von Facebook hätte ich gerne selber erfunden. Es ist ein Aspekt, ja, aber es ist nicht mein Aspekt. Wenn ich das Gefühl habe, dass die etwas machen, was mir nicht gefällt, dann bin ich weg. Das ist das Schöne am Internet. Und durch die vielen Millionen Nutzer stehen Google oder Facebook unter ziemlich genauer Kontrolle. Meine Hoffnung ist, dass es einen automatischen Mechanismus gibt, der Facebook auch überwacht. Und wenn ich so in meinen Stream gucke, dann muss ich sagen: Es funktioniert.

Wie im Auto auf den Geschwindigkeitsmesser werden wir auf Apps gucken, auf unser Wetter, auf das TV-Programm, aber die Maschine da unten, das Internet, das wird unsichtbar.

Viele digitale Publikationen werden im App Store verkauft, dem geschlossenen Ökosystem von Apple. Glauben Sie an das offene Internet?
Ich glaube, das offene Internet überfordert 98 Prozent der Menschen und wird genauso verschwinden wie der Motor im Auto. Ich fahre gerne ein schönes Auto, aber ich habe in den letzten acht Jahren den Motor nicht gesehen. Und den will ich auch gar nicht sehen, weil der mir einfach zu kompliziert ist. Wenn der Motor kaputt ist, fahre ich in die Werkstatt und dann weiter Auto. Das ist genau das, was mit dem Internet auch passiert wird. Die Menschen wollen keine Browser installieren oder etwas programmieren oder jailbreaken. Entscheidend sind die Instrumente. Wie im Auto auf den Geschwindigkeitsmesser werden wir auf Apps gucken, auf unser Wetter, auf das TV-Programm, aber die Maschine da unten, das Internet, das wird unsichtbar. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Für uns als Medienhaus ist das sogar ein Riesenvorteil, wir sagen den Leuten nicht mehr, dass sie so etwas wie RSS-Feeds oder Ähnliches nutzen müssen, sondern wir geben ihnen etwas, sie klicken darauf und das ist dann genau das, was sie haben wollen. Niemand hat Zeit, vier Stunden zu surfen, weil er irgendwelche Geschichten lesen will. Einen weiteren Riesenvorteil haben die Apps auch: Die Leute sind gewohnt zu bezahlen und das ist für uns immens wichtig. Was wir hier machen, ist wertvoll und muss bezahlt werden. Irgendwann werden die offenen Angebote auf ein Rumpfangebot schrumpfen und die Angebote, für die man bezahlen muss, werden immer üppiger, immer besser und immer schöner. Ich bin sicher, dass die Leute auch bereit sein werden, für tolle Sachen zu bezahlen.

Was muss man mitbringen, um neue Medien zu schaffen, um in der Branche erfolgreich zu sein?
Wenn man erfolgreich sein will, stehen eine gute Idee und Begeisterung am Anfang. Eine gute Idee ist heutzutage nicht mehr zu stoppen, weil das Internet jeden Tag auf der Suche nach neuen Anfängen und überzeugenden Konzepten ist. Man muss von einer guten Idee überzeugt sein, diese Idee leben und andere dafür begeistern.

2 Kommentare

  1. Ich denke besonders mit dem Punkt “Die Unterscheidung zwischen privat und beruflich wird durch soziale Netzwerke neu definiert.” haben Sie voll ins schwarze getroffen. Die Grenze veschwindet immer mehr. Die Unternehmen werden immer mehr verpflichtet sein mehr als nur der Arbeitgeber zu sein. Im Gegenzug werden die Arbeitgeber sich dem Unternehmen noch mehr verpflichten müssen, auch in Ihrer Freizeit.

  2. Hans Henke says:

    Mir erschließt sich nicht, was das offene Internet mit dem Installieren von Extensions oder Browsern zu tun haben soll. Natürlich verstehe ich, dass das offene Internet der Grundidee der Medienmacher zuwider steht, nämlich die Menschen inhaltlich zu leiten und für sie Informationen vorzuselektieren. Daraus aber eine Überforderung abzuleiten, halte ich für etwas gewagt.

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