Zurück

90elf: Radio im Internet neu erfinden

Florian Fritsche ist einer Köpfe hinter Deutschlands erstem Fußball-Radio 90elf.de. Im Interview spricht er über die neuen Möglichkeiten für Hörfunk im digitalen Zeitalter.

Als Geschäftsführer der REGIOCAST DIGITAL GmbH ist Florian Fritsche für die Produktion und Verbreitung von digitalen Audio-Inhalten verantwortlich. Sein wichtigstes Projekt ist 90elf. Deutschlands erstes Fußball-Radio zieht jedes Wochenende Hunderttausende begeisterte Fans ins Internet und hat gerade den Deutschen Radiopreis 2011 gewonnen. Im Interview erklärt der Radio-Macher, welche Möglichkeiten Hörfunk im digitalen Zeitalter hat und warum es wichtig ist, Fehler zu machen, wenn man ein Projekt wie 90elf erfolgreich umsetzen will.

Worum geht es bei 90elf?
Das ist ein Audio-Projekt, das sich über digitale Verbreitungswege an alle Fußballfans richtet. Auf unserer Website 90elf.de bilden wir alle Spiele der 1. und 2. Bundesliga live und in voller Länge ab, sodass jeder Fußballfan diese Spiele einzeln nutzen und dann – anders als bei allen anderen, die wir bisher kennen – hin und her schalten kann. Dazu gibt es immer eine Konferenzschaltung, wir schalten in die wichtigsten Stadien zu den wichtigsten Szenen.
Darüber hinaus entwickeln wir das Projekt weiter und bieten nicht nur Bundesliga an, sondern all das, was an Live-Fußball in Deutschland stattfindet, zum Beispiel den DFB-Pokal, dazu kommt internationaler Fußball, die Champions League. Das ist das Kernelement, ergänzend gibt es Talkshows, etwa eine Sendung unter der Woche, die heißt Bolzplatz, mit Trainer-Interviews und Gesprächen über Fußball. Die Grundlogik dabei ist, dass jeder der bessere Trainer ist und etwas zu sagen hat. Das wollen wir berücksichtigen. Im Endeffekt ist 90elf eine offene multimediale Plattform.

Es geht also nicht nur um Audio-Inhalte?
Entscheidend bei dem gesamten Projekt ist, dass wir aus der Radiowelt kommen und ganz gezielt versuchen, den Kern Audio mit Elementen zu verbreitern, die das Medium nicht bieten kann. Es gibt eine Website und eine iPhone-App – es geht also auch darum, einen Bildschirm zu bespielen. Das ist eine Kompetenz, die Radioanbieter bisher nicht hatten. Mit 90elf versuchen wir das umzusetzen, bis hin zu Facebook und allem, was man heute in der Digitalisierung einsetzt.

Wir konnten also erst anfangen, als die Möglichkeit bestand, einen Verbreitungsweg zu nutzen, der nicht UKW ist.

Wie kam es zu der Idee, Fußball-Radio im Internet zu machen?
Wir haben uns Gedanken gemacht, wie man das Radio weiterentwickeln kann, wenn es nicht mehr um UKW geht. Die Idee dazu ist vor fünf Jahren entstanden. Gestartet wurde das Projekt dann im August 2008, das war quasi unser erster Spieltag zu Beginn der Saison. Das heißt, wir hatten zwei Jahre Entwicklungszeit. Die Grundmotivation des Projektes war zum einen der Wunsch, Fußball so zu nutzen, wie man das gewohnt ist, das heißt, Spiele 90 Minuten lang live zu verfolgen. Zum anderen wollten wir die neuen multimedialen Möglichkeiten nutzen, die das Internet damals anbot.
Das Radio ist eine ziemlich erfolgreiche Branche, die aber in sich sehr geschlossen ist. Die Verbreitungsressource ist eine knappe Ressource – irgendwann sind die UKW-Frequenzen vergeben und dann geht es nicht mehr weiter. Im UKW-Bereich hätten wir die Rechte gar nicht bekommen, zumindest keine sinnvolle Lizenz für ganz Deutschland. Wir konnten also erst anfangen, als die Möglichkeit bestand, einen Verbreitungsweg zu nutzen, der nicht UKW ist.

Was ist die Voraussetzung, um ein Projekt wie 90elf umzusetzen?
Es sagt sich leicht als Fußball-Verantwortlicher, aber Leidenschaft ist die entscheidende Voraussetzung. Das Zweite ist für mich, dass man Fehler zulässt und diese Fehler nutzt, indem man mutig, innovativ und begeisterungsfähig ist. Und dann braucht man eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit, weil das, was man im Endeffekt unternimmt, immer auch ein bisschen gegen das bestehende Modell ist. Das kann viel Spaß machen, führt aber auch dazu, dass man oft damit konfrontiert wird und das heißt, man muss durchsetzungsstark sein, um das Projekt zu entwickeln.

Was uns heute zur Verfügung steht, ist auf jeden Fall größer, bunter und informativer als das, was wir vor zehn Jahren hatten.

Zerstört das Internet das Medium Radio?
Der Einfluss der Digitalisierung auf sämtliche Mediengattungen ist gewaltig. Aber ich würde nicht behaupten, dass das Internet alles kaputtmacht. Während des Kaputtmachens entsteht auch viel. Das trifft Medien zu unterschiedlichen Phasen unterschiedlich schwer. Im Endeffekt geht es immer um das Gleiche, es geht um Differenzierung und Diversifizierung, die Angebote werden vielfältiger und das, was dem Nutzer zur Verfügung steht, ist auf jeden Fall größer, bunter, vielfältiger und informativer als das, was wir vor zehn Jahren hatten.
Damit verbunden ist ein intensiver Wettbewerb auf unterschiedlichsten Ebenen: Öffentlich-Rechtlich gegen Privat, Groß gegen Klein – jemand, der privat behauptet, er ist Radioanbieter, kann große Einschaltquoten erreichen, jemand der ein Youtube-Video macht, erreicht teilweise mehr Einschaltquote als ein RTL-Film am Samstagabend.

Sehen Sie dabei gar keine Nachteile?
Doch, die Geschäftsmodelle der Medienanbieter geraten komplett ins Rutschen. Die wichtigste Säule, auf der die gesamte Medienlandschaft basiert, war ja nie der Bezahlinhalt, sondern zu einem großen Teil die Vermarktung von Werbefläche. Und auf einmal gibt es unfassbar viel Werbefläche. Das führt dazu, dass der Preis für Werbung atomisiert. Und darauf hat noch kein einziges Medienunternehmen eine passende Antwort gefunden. Es wird noch ein langer Prozess, dort etwas zu entwickeln. Alle versuchen etwas, manche spät, andere früh. 90elf ist in dieser Hinsicht nichts anderes, als zu versuchen, auszuprobieren und Fehler zu machen. Nur so kommen wir einen Schritt weiter.

Kommentieren

Bitte akzeptieren Sie zunächst die Nutzungsbedingungen.