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Meine Musik findet mich

Conrad Fritzsch, Gründer und CEO von tape.tv, über das Musikfernsehen im digitalen Zeitalter und die Grenzen von maschinenbasierten Anwendungen.

Conrad Fritzsch hat im Juli 2008 den Versuch gestartet, das angestaubte Medium Musikfernsehen mit tape.tv ins digitale Zeitalter zu überführen. Das ist ihm gelungen. Vom deutschen Magazin „Gründerszene“ wurde tape.tv gerade zum Start-up des Jahrzehnts gekürt, aktuell schauen bereits mehr als vier Millionen Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu. Der digitale Musiksender ist in kürzester Zeit auf 60 Mitarbeiter angewachsen und sucht weiter händeringend qualifiziertes Personal. Im Interview verrät der Gründer, was hinter dem Erfolg von tape.tv steckt.

Was macht tape.tv?
Wir machen Musikfernsehen im digitalen Zeitalter. Dabei verbinden wir die Einfachheit des Fernsehens mit den Möglichkeiten des Internets.

Wie kam es zu der Idee?
Wenn wir zurückblicken, dann gab es da jemanden, der das Musikfernsehen erfunden und uns ein großartiges Geschenk gemacht hat – es gibt eine ganze Generation, die sich die MTV-Generation nennt. Aber dann ist etwas passiert: MTV hat das vernachlässigt, wovon sie eigentlich leben, nämlich die Musik. Irgendwann ging es nicht mehr um Musik bei MTV. Das hat uns genervt und wir haben uns gesagt: Bring back the music. Und das haben wir getan. Wir haben 2008 einen Musiksender mit dem Ziel gegründet, die Musik zurück ins Musikfernsehen zu bringen.

Die MTV-Generation entstammt den 1990ern – ist Musikfernsehen nicht von vorgestern?
Wenn man sich anschaut, was die Leute im Netz angucken, dann stellt man fest: 50 Prozent des gesamten traffic bei Youtube ist Musik. Das Problem ist, dass Musikfernsehen etwas anderes ist als ein „Ich such mir mal den und den Künstler raus“. Die Leute wollen sich nicht so intensiv damit beschäftigen, wenn sie unterhalten werden, weil Musikfernsehen hat nichts mit search zu tun, mit Suchen, sondern mit Zurücklehnen und Genießen. Oder mit Sich-Empfehlungen-geben-Lassen, weil es doch Leute da draußen gibt, die sich besser mit Musik auskennen und mir sagen, was zu mir passt.

Wir liefern den Soundtrack für den Moment.

Das Ziel ist, diese beiden Dinge zu vereinen, also die easyness des Fernsehens mit den Möglichkeiten und der Freiheit des Internets, und damit etwas zu bauen, was eine völlig neue Broadcasting-Logik hat, nämlich: Ich suche nicht mehr, sondern meine Musik findet mich. Das ist die Kernleistung von tape.tv. Der User steht im Mittelpunkt und er fragt sich: Kann mir jemand mal den Soundtrack für diesen Moment geben? Und den liefern wir.

Wie funktioniert das genau?
Das ist ein relativ komplexes System. Wir haben in den letzten drei Jahren gemerkt, dass Maschinen da nicht die Antwort sind. Es gibt sehr viele Anwendungen im Internet, die sich mit Empfehlungen beschäftigen, die sind aber alle maschinenbasiert, ein Last.fm oder ein Pandora stellen Ähnlichkeiten zu Content her. Wir haben gemerkt: In dem Augenblick, wo wir die redaktionelle Intelligenz mit der technischen Intelligenz und der tagging-Intelligenz verbinden, entsteht ein Programm, das der User viel inspirierender findet.

Das Wichtigste ist: Wir müssen verstehen, was der User gerade will.

Wenn man tape.tv im Browser aufruft, dann erscheint ein Haupt-stream, ein fertiges Programm, das wir jeden Tag bauen. Das heißt, wir bekommen alle Musikvideos, die gerade aktuell sind, von unseren Content-Partnern und bauen daraus einen stream. Morgens ist der mehr upper, dann kommt ein Mittags-stream, dann ein Abend-stream. Nachts ist der sehr viel experimenteller, da kommen dann mehr Indie-Musikvideos, die auch interessanter sind. Das Wichtigste dabei ist: Wir müssen verstehen, was der User gerade will. Das ist natürlich in so einem Hauptprogramm relativ schwierig, aber er kann es personalisieren, er kann Videos haten, die dann nie wieder in seinem stream auftauchen, und er kann sie lieben. Und in diesem Moment ändert sich die musikalische Zukunft in der Session, dann werden ähnliche Songs in die Wiedergabeliste eingefügt. Der Nutzer baut sich mit einem Klick sein eigenes Programm. Das heißt, alle gucken tape.tv, aber jeder guckt das, was er gerade will.

Produziert tape.tv auch selbst Inhalte?
Ja, wir erzählen auch eigene Geschichten. Wir haben jetzt schon zwei große Formate draußen. Das erste heißt „Auf den Dächern“, wo wir mit Künstlern auf Berliner Dächer gehen und sie dort drei bis fünf Songs spielen. Das zweite ist eine rückkanalfähige Liveshow in unserem Studio. Da laden wir 200 Leute und eine Band ein und die hat dann 45 Minuten Zeit, sich musikalisch zu erklären. Dabei können die User sich live über das Internet reinschalten und Fragen stellen oder mit der Band chatten. Diese beiden Formate werden in den Haupt-stream mit eingearbeitet, aber man kann sie natürlich auch gezielt anschauen. Uns geht es darum, mit spannenden Künstlern spannende Geschichten zu erzählen.

Was muss man mitbringen, um so etwas wie tape.tv hochzuziehen?
Wenn man im Netz oder anderswo erfolgreich ein Unternehmen aufbauen will, dann muss man ein paar Dinge beachten. Das Erste und Wichtigste ist: Man braucht eine Idee, die so unique ist, dass sie dem User etwas gibt, was er vorher nicht hatte. Ein Problem von ihm löst, das er vorher nicht hatte oder nicht gelöst bekommen hat. Dann wird er dieses Produkt auch annehmen. Und am besten ist, wenn es sich um ein daily Problem handelt, was er immer hat. Was er immer wieder neu gelöst haben möchte. Dadurch kommt er wieder – und bleibt auch lange.

Du kannst nur so gut werden, wie deine Mitarbeiter sind.

Ich habe auch noch kein Unternehmen gesehen, das nicht durch seine Mitarbeiter erfolgreich wird. Du kannst nur so gut werden, wie deine Mitarbeiter sind. Du musst gute Mitarbeiter suchen, musst sie schulen und ihnen einen Grund geben, jeden Morgen zu kommen und ihr Herzblut in das Unternehmen zu gießen.

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