Zurück

Selbstverständlich selbständig

Immer mehr Menschen machen sich selbstständig und gründen eine Firma oder arbeiten als Freelancer. Die Festanstellung ist besonders in den Großstädten Europas längst nicht mehr der Standard in der Arbeitswelt. Die neue Lust an der Freiheit erfaßt eine Generation von Individualisten.

«Wie möchte ich die Zeit verbringen, bis ich sterbe», fragte sich Christoph Fahle, der Gründer des Betahaus in Berlin, das inzwischen auch Ableger in Köln, Hamburg oder Zürich hat. Im grosszügigen Coworking-Space neben dem Moritzplatz in Kreuzberg tippen Dutzende, vorwiegend junge Menschen konzentriert in ihre MacBooks. Für einige Euro pro Tag haben sie hier einen Arbeitsplatz gemietet – geschützt vor den verlockenden Ablenkungen zu Hause. Nur das Klimpern des Geschirrs an der hauseigenen Bar ist zu hören. Diese Leute haben den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und den Mut aufgebracht, sich von den gängigen Konventionen der Arbeitswelt zu lösen. Hier finden sie Gleichgesinnte, die sich gegenseitig Zuversicht zusprechen oder gelegentlich Jobs zuschieben.

Das Betahaus in Berlin ist eines der Symbole der neuen Lust an der Selbstständigkeit. «Die Welt der Festanstellung hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Motivation, das Betahaus zu gründen, war, meine eigene Zukunft gestalten zu können», sagt Fahle. Mit dieser Aussage spricht er vielen Selbstständigen aus dem Herzen. Zahlreiche Leute, die im Betahaus arbeiten, haben eine eigene Firma angemeldet: Das Spektrum der vertretenen Branchen reicht von Design über Architektur bis hin zu sozialem Engagement. Einige von den Betahaus-Mietern sind aber auch nur nebenbei in ihrem eigenen Business tätig. Die Selbstständigkeit dient ihnen als zweites Standbein zur Selbstverwirklichung.

Die Welt der Festanstellung hat meine Erwartungen nicht erfüllt.

Für Dr. Prof. Günter Faltin von der Freien Universität Berlin, der mit seinem Buch «Kopf schlägt Kapital» große Aufmerksamkeit erregte, ist klar: «Entrepreneurship muss man klar von Business Administration unterscheiden.» Der englische Begriff hat für Faltin eine andere Aussage als das deutsche Wort Unternehmer. Er bezieht sich dabei auf Start-ups, die eine Idee lancieren, anstatt der herrschenden Lehre zu folgen. Sie starten mit einfachen, aber durchdachten Ideen, die nur relativ geringe finanzielle Mittel erfordern und sich aus vorhandenen Ressourcen zusammensetzen. Diese neue Art von Unternehmen bezeichnet Faltin als «experimentelles Entrepreneurship», das dem gängigen Verständnis von Gründung eine praktische Alternative gegenüberstellt. Für Faltin geht der heutige Weg zur Selbständigkeit weg von der gebräulichen Theorie: Als Gründer brauche man nicht zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, brauche nicht zwingend ein Patent und auch nicht viel Kapital. Für ihn ist wichtig, daß es in jedem Unternehmen betriebswirtschaftliche Kompetenz gibt, aber diese muss nicht vom Gründer selbst kommen.

Faltin schwört dabei auch auf das sogenannte Komponentenmodell: Statt zum Selbstständigen macht sich jemand zum «powerful entrepreneur» – mit diesem Vorgehen sind weniger Investitionen erforderlich. Der Entrepreneur arbeitet mit professionellen Partnern zusammen und es entstehen nur Kosten, wenn auch tatsächlich Bestellungen eingehen. Der Unternehmer bezieht seine Produkte von anderen Anbietern und setzt diese zu seiner eigenen Dienstleistung zusammen. Mit dieser Methode könnten auch schon junge Menschen rasch eine Firma gründen – und müssten nicht erst ein gewisses Kapital und eine stattliche Betriebsgröße erreichen.

Entrepreneur muss man klar von Unternehmer unterscheiden.

So schwärmt auch die 30-jährige Architektin Samsarah Lilja in der Süddeutschen Zeitung über die Vorzüge der Selbstständigkeit – die junge Frau war vorher bei einem großen Architekturbüro festangestellt, hatte ein gutes Einkommen, aber: «Ich hatte kein wirkliches Privatleben mehr», sagt sie. Jetzt arbeite sie 30 bis 80 Stunden pro Woche, oft im Betahaus. Das Arbeitspensum sei nicht geringer, aber sie könne sich die Zeit einteilen und auch mal von unterwegs arbeiten, müsse nicht jeden Tag um diesselbe Uhrzeit im gleichen Büro aufkreuzen. Der wahre Grund ist aber auch bei ihr: Die eigenen Ideen verwirklichen, Visionen umzusetzen. Jetzt arbeitet sie für verschiedene Auftraggeber, ist flexibler und vernetzter.

Samsarahs Lebenslauf steht für die heutige Zeit. Markus Albers, der Autor von Meconomy: Wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden – und warum wir uns jetzt neu erfinden müssen, beschreibt in seinem Buch ähnliche Strukturen der heutigen Arbeitswelt. «Viele Junge stehen klassischen staatlichen Strukturen reserviert gegenüber, nehmen Sicherheitsversprechen im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr für bare Münze. Sie setzen stärker auf Eigeninitiative und Unternehmertum denn auf klassische Karrierewege. Wenn Sozialstandards langfristig nicht zu halten sind – so die Devise –, dann will ich wenigstens Freiheit haben», schreibt er in seinem Buch. Albers benennt eine Bewegung, die sich zu etablieren beginnt: «Wir machen uns leichteren Herzens selbstständig, aber vor allem werden wir selbstständiger denken und fühlen.»

Andere Autoren wie etwa Holm Friebe und Sascha Lobo beschreiben in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit die Digitale Boheme als Erfüllung für Selbstständige: «Menschen können heute – auch dank dem Internet – vom bürgerlichen Modell des System Festanstellung austreten, müßen aber nicht gleichzeitig im anderen bürgerlichen Modell des Unternehmertums landen», sagt Lobo. Jemand, der gerne Kleider nähe, müsse dank den Möglichkeiten des Internets nicht gleich einen Laden eröffnen, sondern könne sich über den Online-Verkauf global eine Existenz aufbauen, schreiben die Autoren. Die Digitale Boheme entspreche nicht dem klassischen Bild des Selbstständigen wie Ärzte oder Anwälte, sondern arbeitet entspannter und freudvoller in kleinen Gruppen, die aber nicht gleich wieder in einem Angestelltenverhältnis stehen, erklärt Lobo. «Eine ganze Generation kann nicht mehr mit sicheren Festanstellungen rechnen. Deshalb ist diese Art von Arbeit sinnvoll.»

Faltin wie auch die Autoren Friebe/Lobo und Albers schildern eine neue Art von Unternehmertum, das wenig mit klassischen Businessmodellen zu tun hat, sondern sich auf Ideen konzentriert, die sich durch neue Möglichkeiten umsetzen lassen. «Diese Art von Selbstständigkeit hat aber nichts mit der propagierten Firmengründung der Politik zu tun, sondern es geht darum, die Möglichkeiten zu nutzen, um die Idee der Festanstellung zu verlassen», sagt Lobo. Leute, die nicht in diesen Strukturen arbeiten möchten, hätten heute große Chancen.

Es scheint, als folgen mehr Menschen diesem Credo und versuchen sich als Freiberufler, gründen ein eigenes Unternehmen. Deshalb ist für Kathrin Krüger vom Gründerbüro der Universität Rostock jeder ein Unternehmer, der sich selbstständig macht, wenn auch nicht im allgemein gültigen Sinne. «Für mich ist jede Person, die sich einem Risiko aussetzt, ein Unternehmer, auch wenn es verschiedene Begriffe wie Entrepreneur, Freiberufler oder Digital Boheme dafür gibt», sagt Krüger.

Für mich ist jede Person, die sich einem Risiko aussetzt, ein Unternehmer.

Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung steigt die Zahl der Freiberufler in Deutschland: Rund 1,1 Millionen Personen sind Freiberufler, die wiederum 2,7 Millionen Menschen beschäftigen und rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Bei den traditinellen Freiberuflern, die sich in Kammern organisieren – etwa Ärzte oder Anwälte –, ist die Zahl stagnierend, in anderen Berufsgruppen wächst sie. Am meisten zugelegt haben Kulturschaffende mit 7,8 Prozent – jedoch auch aus einer Not heraus, da sie kaum eine Festanstellung finden.

Allein in Berlin sind laut Amt für Statistik Berlin/Brandenburg 102 201 Personen als Selbstständige gemeldet – Tendenz steigend. In Deutschlands Hauptstadt sind die Voraussetzungen, ein eigenes Unternehmen zu gründen, wesentlich einfacher als anderswo: Nicht nur die Lebenshaltungskosten und Mieten sind geringer, sondern die Stadt fördert Jungunternehmer auch finanziell. So versuchen sich zahlreiche Personen als Freelancer, Selbstständige oder Kleinunternehmer. Berlin bietet ein befruchtendes Umfeld für Gründungen, weil Unternehmen und Agenturen diese Arbeitsweise begrüßen und unterstützen, sei es als selbstständiger PR-Berater, App-Entwickler, Journalist, Grafiker oder Stylist. Und wenn das Einkommen nicht ganz reicht, gibt es Jobs in Cafés oder Shops, wo immer wieder Personal gesucht wird.

Warum Gründen beliebt ist, erklärt Kathrin Krüger vom Gründerbüro: «Es gibt mehr Engagement von Unternehmen, aber auch von der Politik für Enterpreneurship». In Deutschland entwickle sich langsam eine ähnliche Begeisterung wie in den USA. Lange galt hier eine Stelle in einem Staat als sicher und erstrebenswert. «Die Arbeit als selbstständiger Unternehmer ist in den letzten Jahren anerkannter geworden, das Image gestiegen», so Krüger. Die Leute hätten erkannt, dass sie mit eigenen Ideen ebenso, wenn nicht sogar besser, eine glänzende Karriere hinlegen können. «Man hat auch realisiert, dass eine Kultur des Scheiterns nicht verwerflich ist», erklärt Krüger. Diese Einstellung beginnt sich in Deutschland zu etablieren.

Eine Kultur des Scheiterns ist nicht verwerflich.

Hochschulabsolventen möchten ihre Ideen von Anfang an umsetzen und etwas beeinflussen – und wollen sich nicht erst hocharbeiten müssen. «Als Selbstständiger kann man bereits in jungen Jahren an konkreten Lösungen arbeiten, als Angestellter dauert das länger», so Krüger. Sie beobachtet auch, dass die jüngere Generation mit einem globaleren Bewußtsein aufwächst und dadurch selbstbewußter mit ihren Möglichkeiten umgeht als Generationen davor. Zu Recht: Als junger Mensch kann man sich einem Risiko aussetzen. Das wird heute mehr und mehr belohnt. Angestellter kann man auch später sein. Besonders als Freelancer im Dienstleistungsbereich sei das Risiko, sein eigener Chef zu werden, überschaubar. Krüger: «Wenn man sich entschließt, Diamanten zu bearbeiten, werden die Investitionen durch Maschinen und Arbeitsinstrumente deutlich größer und es braucht noch einen Zacken mehr Mut.»

Kommentieren

Bitte akzeptieren Sie zunächst die Nutzungsbedingungen.